Vorurteile zum Thema Inklusion

Inklusionskreis ©Aktion Mensch

Vorurteile zum Thema Inklusion

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Schild mit der Aufschrift: "Kein Barrierefreier Übergang. Warum?"

Auf Veranstaltungen zum Thema Inklusion stelle ich mich gerne so vor: „Schon als Kind hatte ich viel Kontakt zu Menschen ohne Behinderung. Mich hat immer inspiriert, wie viel Lebensfreude sie ausstrahlen und wie gut sie ihr Leben meistern. Seitdem ist es für mich ganz normal, dass es auch Nichtbehinderte gibt.“
Weil es immer noch merkwürdig klingt, wenn ein behinderter Mensch so etwas erzählt – scheint es mit der Inklusion noch nicht so ganz geklappt zu haben.

Viele Vorurteile geistern gegenüber der Idee der Inklusion durch die Welt. Wenn ich auf Vorträgen, in Schulen und auf Konferenzen darüber rede, merke ich, wie dehnbar und biegsam dieser Begriff „Inklusion“ ist. Und wie viele Vorbehalte und negative Assoziationen damit verbunden sind. „Inklusion ist eine gute Sache, aber…“, heißt es dann oft.

Ein häufig gehörtes Vorurteil ist, dass es bei Inklusion ausschließlich um das Thema Schule geht. Der Aspekt ist zwar wichtig, aber tatsächlich bezieht sich Inklusion auf alle Lebensbereiche. Inklusion ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess und ein Menschenrecht. In der UN-Behindertenrechtskonvention wurde bereits 2009 klar festgelegt, wie Inklusion stattzufinden hat. Nach fast zehn Jahren wird in Deutschland aber immer noch so getan, als wäre Inklusion etwas Optionales, eine nette Zusatzgeschichte, die man machen kann, wenn noch Geld und/oder Zeit übrig ist.
Und das ist auch das größte Vorurteil zum Thema Inklusion: Dass Inklusion optional ist.

Aber kommen wir zurück zum Beispiel „Schule“: Warum kann Inklusion hier scheinbar nicht funktionieren? Die Vorurteile sind mannigfaltig.
Inklusion würde „den normalen Kindern schaden“, denn Kinder mit Behinderung „hemmen das Lerntempo der gesamten Klasse“. „Behinderte Schülerinnen nehmen zuviel Zeit und Kraft der Lehrenden in Anspruch, nichtbehinderte Kinder werden notgedrungen vernachlässigt“. Allerdings funktioniert für Inklusions-Gegnerinnen auch der Umkehrschluss: „Inklusion ist schädlich für behinderte Kinder“, weil diese an Regelschulen „maßlos überfordert sind“ und „hier nicht gefördert werden können“.
Außerdem hält sich hartnäckig das Vorurteil, dass behinderte Schüler, die auf nichtbehinderte Kinder treffen, sich plötzlich ihrer defizitären Situation bewusst werden: „Die fühlen sich doch erst als Außenseiter, wenn sie jeden Tag erleben müssen, dass sie anders sind“ und „ständig Hilfe brauchen, alle auf sie warten müssen“.
Behinderte Kinder sollten „Schutzräume haben“, idealerweise an „Förderschulen, in denen sie unter sich sind – auch um sie vor Mobbing zu schützen“.
Auch für Lehrerinnen ist Inklusion eine Katastrophe: „Inklusion überfordert Lehrerinnen/Erzieher*innen, denn sie sind nicht für Kinder mit Behinderung ausgebildet“. „Inklusion geht zu Lasten aller Beteiligten, bringt somit keiner Seite Nutzen.“
Schließlich ist Inklusion natürlich „viel zu teuer“. Alles also eine Lose-Lose-Situation?

Alle diese Vorurteile basieren auf der Vorstellung, bei behinderten Menschen handele es sich grundsätzlich eine homogene und ausschließlich defizitäre Gruppe. Dass es auch Hochbegabte und Schnelllerner mit einer Behinderung gibt, kommt in dieser Denkweise nicht vor. Ebenso wenig wird differenziert, dass Behinderungen vollkommen unterschiedlich sind: Es Körperbehinderungen unterschiedlichster Ausprägung gibt, ebenso Sinnesbehinderungen, so genannte Lernbehinderungen usw. Und dass Schüler einen Behindertenausweis haben – obwohl in der Schulsituation überhaupt keine behindernden Umstände vorhanden sind, beispielsweise durch ausreichende Barrierefreiheit.
Behinderung ist nicht etwas vollkommen Statisches – sondern hängt vom Set und Setting ab. So kann ein Schüler mit einer Muskelerkrankung, der sich mit einem Rollstuhl fortbewegt, möglicherweise nicht an allen Disziplinen im Sportunterricht teilnehmen – erfährt im Klassenzimmer allerdings durch ausreichende Barrierefreiheit keine behindernden Umstände und benötigt keine zusätzliche Förderung.

Lisa Pfahl, Professorin für Disability Studies, forscht unter anderem über die Gründe der Ausgrenzung behinderter Menschen. Aussonderung von auffälligen Schülern hat laut Prof. Pfahl in Deutschland Geschichte. Die Vorstellung, homogene Lerngruppen seien die beste Lösung, ist tief verankert in den Köpfen vieler Pädagogen*innen. Auch wenn Erfolge an Schulen, die ein gegenteiliges Konzept verfolgen – zum Beispiel in Finnland – eine ganz andere Wirklichkeit präsentieren.

Bei einem inklusiven Schulsystem geht es um individuelle Förderung jedes Schulkindes. Ging es bei bei Schülerninnen mit Behinderung bisher um „sonderpädagogischen Förderbedarf“, steht jetzt Teilhabe und Abbau von Barrieren im Fokus – Punkte, von denen auch nichtbehinderte Schülerinnen profitieren. Die Bezeichnung „behindert“/“mit Förderbedarf“ und „nicht-behindert“/“ohne Förderbedarf“ spielen in einem inklusiven System keine Rolle mehr. Stattdessen werden Schüler als Individuen mit unterschiedlichen Potentialen wahrgenommen.
Andreas Hinz, Professor für Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik, stellte fest: „Bereits aus frühen Untersuchungen in Integrationsklassen ist bekannt, dass die (…) Zuordnung von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf mit der pädagogischen Realität individueller Unterstützungsbedarfe wenig zu tun hat.“
Als Beispiel: Ob eine Schülerin beispielsweise im Rollstuhl sitzt, sagt nichts über seineihre Mathematik-Kenntnisse aus.
Ein inklusives Schulsystem würde Schüler
innen nicht mehr in defizitäre Kategorien einteilen, sondern individuell betrachten, fördern und ermöglichen, Stärken und Interessen aktiv einzubringen. So würde aus dem vorurteilsbelasteten Schreckgespenst „Inklusion in der Schule“ eine Perspektive und immense Lernverbesserung für alle Schüler.

Zum Schluß möchte ich noch auf das oft gehörte Vorurteil „Inklusion ist Gleichmacherei“ eingehen und darauf mit einem Zitat von Fred Ziebarth antworten, Psychotherapeut und ehemaliger pädagogischer Koordinator der inklusiven Fläming-Grundschule, die ich besuchte: „Inklusion ist die Annahme und die Bewältigung von menschlicher Vielfalt.“

(sb)

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Suse Bauer zuerst in leicht abgewandelter Form in „neues deutschland“ erschienen.

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Quelle: http://raul.de/leben-mit-behinderung/vorurteile-zum-thema-inklusion/

 

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